1. Der Begriff
2. Warum Heilige?
3. Geschichte der Heiligkeit
4. Auswirkung der Heiligkeit auf das Alltagsleben im Mittelalter
1. Der Begriff
Das Deutsche Wort „heilig“ kommt von den altisländischen Wörtern „heill“ und „heilgar“.
Des Weiteren hat es Wurzeln im germanischen „haila“. „Heilig“ bedeutet Kraft, Tüchtigkeit
und Vermögen. Die Heiligkeit zeigt sich in Klugheit und gutem Gedeihen, in Gesundheit und
körperlicher Kraft sowie bei den Männern in einer Machtstellung und bei Frauen in der
Fruchbarkeit.
Demnach ist der Heilige mit besonderer Kraft erfüllt.
Das Deutsche Wort „weihen“ bedeutet etwas zu gottesdienstlichen Zwecken abzusondern und
stammt vom gotischen „weihs“.
Der Bischof Wulfila übersetze im 4 Jahrhundert das Neue Testament ins gotische und nutzte
für das griechische Wort „heilig“ eben dieses „weihs“.
Das Lateinische benutzt für „heilig“ das Wort „sanctus“, welches von „sancire“ kommt. Es
bedeutet etwas begrenzen, umschließen, deutlich einhegen und weihen. Der Gegensatz zu
sanctus ist „profan“, welches weltlich bedeutet.
2. Warum Heilige?
Im Christentum gibt es keine Beschwörungen der kosmischen Kräfte, sondern nur die Bitte an
Gott um Verlebendigung und Reinigung.
Da das Christentum von Haus aus nicht genügend Religion bot, fehlten in der nahezu
gänzlichen agrarischen Gesellschaft des Mittelalters Riten zur Bewältigung der kosmischen
Kräfte, denen man täglich ausgesetzt wurde. Die so existente Lücke musste aufgrund des
Verlangens der mittelalterlichen Gesellschaft nach direkter Einwirkung auf die kosmischen
Kräfte gestopft werden.
So schufen sie sich Heilige, die zuständig für eben diese Kräfte waren. (Wetter und Vieh,
Früchte und Felder, Feuer und Blitz sowie die Heilkraft). Die Heiligen füllten demnach die
Lücke, die das Christentum nicht füllen konnte. Sie hatten die Rolle des Vermittlers zwischen
Gott und den Menschen inne, sowie die Funktion eines Helfers.
Dennoch ist zu beachten das ein Heiliger keine göttlichen und magischen Kräfte besaß, er
wurde angerufen, NICHT angebetet.
Nach ableben der Heiligen boten Reliquien und Sanktuarien (Heiligtum/ Altar- oder
Reliquienräume) sowie ihre Eigenschaften als Schutzpatronen Zugang zu ihnen.
Der sekundär hinzugetretene Heiligenkult kann also als Protest gegen einen strengen
Monotheismus gesehen werden. Die Kirche redete sich den Widerspruch von
monotheistischem Glauben und Heiligenkult schön, indem sie sagte, dass nicht die Heiligen
verehrt wurden, sondern der Gott in ihnen.
Darüber hinaus kann man davon ausgehen, dass das Christentum ohne den Heiligenkult nicht
so leicht hätte Fuß fassen können.
3. Die Geschichte der Heiligkeit
Während der ersten christlichen Jahrhunderte waren nur die Märtyrer heilig, (Stephanus).
Dies kann man darauf zurückführen, dass es im Judentum anstatt der regulären Heiligen nur
„Musterfromme“ gab und das eigene, das jüdische Volk, heilig war. Genau hier knüpft das
Urchristentum an. Paulus und Petrus bezeichnen in ihren Briefen die gesamte Christenheit als
heilig.
Diese Bedeutung trat jedoch bald zurück, da viele Christen während der Christenverfolgung
Roms ihren Glauben Verleugneten, was (nachvollziehbar) nicht als gottgefällig gesehen
wurde.
Musterhaft dagegen waren die Märtyrer, die für ihren Glauben in den Tod gingen.
Die weniger Mutigen versuchten durch diese Heldenverehrung die eigene Verfehlung zu
kompensieren und ihr Gewissen zu beruhigen.
Durch die monastischen Lebensformen, die von Einsiedlerei und Armut geprägt waren,
entwickelte sich in der Folgezeit der Mönch zu einem Prototyp eines Heiligen. (Benedikt v.
Nursia: 480 in Nursia bei Perugia; † 21. März 547 bei Cassino/gründete Kloster in Cassino/
Mutter des Benidiktinerordens/ schrieb Regula Benedicti)
Durch die gregorianische Reform im 11. und 12. Jahrhundert1, sowie durch die Zisterzienser
nahm die Heiligkeit kirchlicheren und spirituelleren Charakter an, als zuvor. Hierbei spielte
der Heilige Bernhard von Clairvaux eine große Rolle, da er das Zisterziensertum in ganz
Europa verbreitete. (Clairvaux: 1090 auf Burg Fontaine-lès-Dijon bei Dijon; † 20. August
1153 in Clairvaux/ Erneuerte Klosterwesen ( Zisterzienser/ Verbreitete den Orden in ganz
Europa)/ agitierte für die Kreuzzüge gegen die Slawen.)
Den Höhepunkt des Strebens nach Heiligkeit wurde mit Franz von Assisi erreicht. (Assisi:
1181 in Assisi, Italien; † 3. Oktober 1226 in der Portiuncula-Kapelle unterhalb von Assisi/
lebte streng nach dem Vorbild Christi/ Franziskaner/Armutsideal)
Ende des 13. Jahrhunderts setzte eine Wende in den Eigenschaften eines Heiligen ein. Die
Heiligen waren fortan überwiegend große Theologen und Kanzelredner wie z.B. Thomas von
Aquin. (Aquin: 1225 auf Schloss Roccasecca bei Aquino in Italien; † 7. März 1274 in
Fossanova/ Dominikaner/ einflussreicher Theologe und Philosoph/ Scholastik/ prägt Kirche
bis heute).
Darüber hinaus entstand eine Welle der Mystiker, welche Visionen erlebten, in denen ihnen
beispielsweise der gekreuzigte Jesus erschien oder Mutter Maria sich ihnen offenbarte. Trotz
dieses Wandels blieb die Masse der Gläubigen des Spätmittelalters den Pilgern und Eremiten
verbunden, da diese Formen der Heiligkeit aufgrund ihrer Glaubhaftigkeit leichter zugänglich
waren.
Die Katholische Kirche versuchte die Heiligkeit zu normieren und einer Eigenentwicklung
entgegenzuwirken. So vollzog Papst Johannes XV 993 die erste Heiligsprechung der
Geschichte, bei der Ulrich von Augsburg heilig gesprochen wurde. (Augsburg: 890 in
Wittislingen oder Augsburg; † 4. Juli 973 in Augsburg/ Verteidigung der Stadt A. gegen die
Ungarn mit Mauern anstatt Palisaden/ Asket/ Mildtätig/ Fromm)
Durch die Kanonisation verlor die Heiligkeit aller Christen endgültig an Bedeutung, wer
heilig werden wollte, musste heroisch und Tugendhaft leben, musste noch nach seinem Tod
Wunder vollbringen. Diese Regeln gelten bis heute.
Im Gegensatz zum Frühmittelalter, welches von der Präsenz der Heiligen geprägt war, setzte
im Spätmittelalter die Reliquienhäufung und Bilderverehrung ein. Hinzu kam eine Zunahme
von Heiligen durch die Kreuzzüge hervorgerufener Kulturkontakte. Als Beispiel hierfür ist
1 welche hauptsächlich gegen den Kauf geistlicher Ämter, gegen die Einsetzung von Bischöfen und Äbten durch
weltliche Herrscher, gegen die Priesterehe und gegen das Eigenkirchenwesen gerichtet war
Maria Magdalena zu nennen. (Magdalena: eig. Von Magdala/ Sündern/ Prostituierte) Des
Weiteren entwickelte sich der Heilige durch die Ausbildung von Standes-, Sonder- und
Schutzpatronen von einem Fürbitter zu einem direkten Ansprechpartner und Helfer.
4. Auswirkungen der Heiligkeit auf das Alltagsleben im Mittelalter
Wie jeder Glaube hat auch der Glaube an das Heilige Auswirkungen auf Gläubige. Dies
äußert sich durch Handlungen, Erzählungen und künstlerische Darstellungen.
Kultische Handlungen werden betrieben um das Schlechte fernzuhalten und das Gute
heranzuholen. So ist ein Heiliger ein Schutzpatron und hat einen eigenen- ich nenne es-
„Aufgabenbereich“. Dem Schutzpatron wird ein Wirkungskreis geweiht und so mit ihm
verbunden. Der Hl. Jakobus ist der Schutzpatron für Sterbende, der Hl. Matthias ist der
Schutzpatron für Hannover und Petrus der für Fiebernde.
Die Erzählungen über Heilige lassen sich in zwei Kategorien aufteilen. Zum einen in die der
agathodynamischen Erzählungen, welche von guten Kräften handeln und zum anderen die der
kakodynamischen Erzählungen, welche von bösen Kräften handeln. Meist wird das Ende
eines Heiligen legendarisch ausgeschmückt. (So wird in der Bibel nach dem Tod Jesu von
einem Erdbeben und einer Sonnenfinsternis gesprochen Nursia: in Zeit als Eremit: einzige
Verbindung zu Romanus/ reichte ihm täglich ein Brot/ Glocke am Seil gab Zeichen/Teufel
habe Stein gegen Glocke geworfen/ Glocke zerbrach; Benedikts Feinde (wg. Ordnung und
Sitte)/ Vergiften/ Benedikt schlug Kreuz über Kelch, Kelch zerbrach). Des Weiteren gibt es
diverse Topoi, die in den Erzählungen von Heiligen auftreten und die Heiligkeit
unterstreichen (z.B. die Weigerung zu missionieren und die erneute Aufforderung dazu durch
Jesus persönlich)
Im Mittelalter war die künstlerische Gestaltung wegen der hohen Analphabetenrate von hoher
Bedeutung. Bilder waren ein Zugang zu Geschichten um Geschehnisse und Personen. Auf
den Heiligenbildern werden sowohl die Heilige, als auch ihre Attribute wie Kruzifixe, Tauben
(Zeichen für Heiliger Geist) etc. dargestellt. Ein Bild, das etwas Heiliges darstellt, ist selbst
wieder heilig.
Des Weiteren wurde der Alltag der Menschen im Mittelalter neben der Heiligenbildverehrung
durch das Anrufen der Heiligen, (Dogma; Wirklichkeit am Marienkult zu sehen) das Pilgern
und den Reliquienkult bestimmt.
Das Pilgern zu Wallfahrtsorten und Stätten der Reliquienaufbewahrung spielt hier eine
wichtige Rolle, da die Annerkennung von etwas als Heiligkeit von dem, der sich ihr naht,
Reinheit verlangt. Diese Reinheit kann man durch das Pilgern erlangen. Darüber hinaus ist das
Pilgern mit der Vorstellung verbunden, am Wallfahrts-Ort Gott besonders nahe zu sein und ist eng
verknüpft mit der Erwartung, dort Stärkung des persönlichen Glaubens, Heilung von Krankheiten
und Hilfe in persönlichen Notlagen zu erlangen.
Anlass für Wallfahrten bieten meistens die am Ziel aufbewahrten Reliquien.
Reliquien sind die Hinterlassenschaften verstorbener Heiliger. Der Reliquienkult ist in dem
Glauben begründet, dass die Verstorbenen ihre Kräfte auf ihre Hinterlassenschaften
übertragen. Die Reliquienordnung nennt 3 Reliquienklassen. Zur ersten Klasse gehören alle
Körperteile des Verstorbenen. Zur zweiten Klasse alles, was der Heilige zu Lebzeiten
berührte und zur dritten Klasse, alle Gegenstände, die die Reliquien erster Klasse berührt
haben. Gerade die Reliquien der dritten Klasse wurden häufig als Glücksbringer genutzt.
Zusammenfassen lässt sich sagen, dass der Alltag der Menschen des Mittelalters von den
Heiligen stark bestimmt wurde. In Anbetracht der Anzahl Heiliger und deren Funktion als
Schutzpatron- es gab wirklich für jedes Problem jemanden- ist ihre Stellung und Wichtigkeit
nur allzu gut nachvollziehbar.
Die Kirche hat heute ca. 5000 Heilige. Zu ihnen gehören Unglückliche, vom sinnlosen
Schicksal gebeutelte und Fanatiker, aber auch Könige, Bettler, Genies und Narren.
Die Heiligen zeugen heute wie damals von den Höhen und Tiefen des christlichen Glaubens,
menschlichen Wirkens, den Sonnenseiten und Abgründen des menschlichen Charakters.
Gerade auch der Außenseite kommt im christlichen Heiligenkult zu Ehren. Sie lieferten
Beispiele für gelebtes Christentum und veranschaulichten die Lehre im konkreten Fall.
Literatur:
Lexikon des Mittelalters; Artemis Verlag; München und Zürich; 1989
Arnold Angenendt; Heilige und Reliquien; C.H. Beck; München; 1997
Hanns Bächthold-Stäubli; Handbuch des Deutschen Aberglaubens; de Gruyter; Berlin; 1927 Peter Köhler; Heilige, von der heiligen Anna bis zum heiligen Valentin; Gerstenberg Visuell, Hildesheim, 2006

Veröffentlicht am 17. Juli 2010
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